bordeaux – magisch & absurd

Bordeaux ist das Mekka für Weinliebhaber. Es ist weltweit das grösste Anbaugebiet für Spitzenweine. In keiner anderen Region stehen namhafte Appellationen und Weingüter so dicht nebeneinander wie in Bordeaux. Es werden hervorragende Weine gemacht, um sie anschliessend zu exorbitanten Preisen zu verkaufen.
Ich bin kein Bordeaux-Spezialist, dafür fehlt mir das nötige Kleingeld. Dennoch, wer gerne Wein trinkt, sollte diese Gegend einmal im Leben bereist haben. Gesagt, getan, ich habe ein paar Tage in Westfrankreich verbracht.

Über die Weinbauregion und das System im Bordelais könnte man viel schreiben. Es ist komplex und weltweit einzigartig. Sonderstatus par excellence. Das macht es wahrscheinlich auch so speziell.
Ich verzichte darauf, alles im Detail zu erklären. Für Bordeaux-Neulinge hier aber einige Basics:

  • Im Bordelais wird 90% Rotwein produziert – ein Verschnitt aus Cabernet Sauvignon, Merlot, Cabernet Franc und/oder Petit Verdot.
  • Die wichtigste geographische Unterteilung wird zwischen dem linken und rechten Ufer der Gironde gemacht. Am linken Ufer ist Cabernet Sauvignon die dominierende Traubensorte, am rechten Ufer wird Merlot bevorzugt.
  • Indikator für Spitzenwein und verrückte Preise sind die Klassifikationen. Sie beziehen sich immer auf die Châteaux und nicht auf die Lagen. Die bekannteste Klassifikation ist die von Médoc und Graves (linkes Ufer) aus dem Jahr 1855. Sie wurde seither nicht mehr angefasst (Ausnahme: Aufnahme von Mouton-Rothschild unter die Premiers crus 1973). Auf der rechten Seite, in St. Emilion, besteht die Klassifikation seit 1955 und wird ca. im 10-Jahres-Takt neu beurteilt. Einziger Spitzenwein der nicht klassifiziert ist, ist Château Petrus.
  • Bordeaux Wein ist eine Spekulationsware. Die grossen Gewächse werden verkauft, bevor sie abgefüllt sind (Subskribtion). Der Kunde kauft die Katze im Sack. Was aber selten ein Risiko ist, die Weine haben in den letzten Jahren stark an Wert gewonnen.
  • Eine Flasche Château Petrus 1990 kostet 4’560 Euro, eine Flasche Mouton-Rothschild 2001 läppische 552 Euro. Die Preise variieren je nach Jahrgang.

So, und jetzt zu meinen Eindrücken. Auf die Reise ins Bordelais habe ich mich gefreut wie ein kleines Kind. Bordeaux, insbesondere die bekannten Châteaux, ist für Weintrinker wie der Mount Everest für Bergsteiger.
Man hört viel davon, trinkt ihn ab und zu und weiss genau, welche Flaschen man wahrscheinlich nie kosten wird (gibt die Hoffnung aber trotzdem nicht auf). Namen wie Château Margaux, Mouton-Rothschild, Latour, Cheval Blanc – diese Weine kosten ein kleines Vermögen und sind entsprechend einer exklusiven Klientel vorbehalten.

Meine Erwartungen sind also hoch. Ich weiss, dass ich nichts davon trinken werde, aber nur zu sehen, wo diese Weingüter stehen und was für ein Ambiente in dieser Gegend herrscht, ist irgendwie aufregend.
Zuerst das linke Ufer. Hier reihen sich die Dörfer Margaux, St-Julien, Pauillac und St-Estèphe aneinander, die Crème de la Crème. Weinbauregionen haben meinen Erfahrungen nach meistens einen hübschen Dorfkern und sind in der Regel gut erhalten. Dem Tourismus und Wohlstand sei Dank. Dieser Theorie nach sollte die linke Uferseite vor Goldhäuser und herausgeputzten Gassen strotzen. Fehlanzeige. Da ist nichts, gar nichts. Ein armseliges Dorf ohne Kern nach dem anderen. Heruntergekommene Häuser, schmutzige Strassen, kein Leben. Und da, ab und zu, ein gigantisches Château, meistens gut verriegelt und kaum sichtbar.
Hmm. Konzentrieren wir uns halt auf die Landschaft. Die ist imposant, weil die Felder unendlich scheinen. Aber auch langweilig, da alles flach ist.

Natürlich habe ich vorgängig versucht, auf einem der super Weingüter eine Führung zu bekommen, vergeblich.  Absagen weil Erntezeit ist. Etwas komisch, wenn ihr mich fragt, denn in diesen Châteaux ist der Winzer ja kaum gleichzeitig Kellermeister und  Touriguide. Was ich ihnen lassen muss, sie haben mir alle sehr freundlich geantwortet und anscheinend gibt es wirklich auch Möglichkeiten, als Normalsterblicher ein solches Weingut zu besichtigen. Ich hatte wohl einfach Pech. Oder auch nicht. Ganz spontan und über eine Führung, welche das Office du Tourisme organisiert hat, kommen wir dann doch noch in den Genuss einer Kellerbesichtigung. Von Léoville Poyferré. Geführt werden wir von einem temporären Mitarbeiter, der sich ausschliesslich um Führungen kümmert. Er ist nett und kompetent, verkörpert aber nicht wirklich das Weingut, da fliesst kein Poyferré-Blut. Kurz, es ist spannend, der Keller modern, interessante Maschinen und zum Schluss dürfen wir noch zwei Weine degustieren. Das alles für 10 Euro pro Person. Fair. Aber Leidenschaft suche ich vergebens.

Ich habe das Gefühl, in dieser Gegend schaut jeder nur für sich. Hauptsache die Weine schmecken jedes Jahr gleich. Gearbeitet wird in den eigenen vier Wänden. Keine zusammenhaltende Gesellschaft und kein Interesse, den Touristen eine charmante Seite der Region zu zeigen.

Damit ihr euch vorstellen könnt, wovon ich spreche. Die Châteaux links und die Gebäude rechts trennen keine 2 km.

Wer trotzdem einmal beschliesst ins Médoc zu fahren, dem kann ich das Château Pomys als Unterkunft empfehlen. Top Zimmer und gutes Restaurant, zu moderaten Preisen.

Lass uns ans rechte Ufer fahren. Dieses besteht hauptsächlich aus St. Emilion und Pomerol. In St. Emilion begegne ich endlich dem hübschen, charaktervollen Dörfchen, das ich bisher vermisst habe. Schöne Kirche, da ein Türmli, enge Gassen, härzig. Nur hat es leider sehr viele Touristen und das Dorf besteht fast ausschliesslich aus Weinhandlungen. Ein Tagesausflug nach St. Emilion scheint für jeden Amerikaner Pflicht zu sein.
Die Landschaft um St. Emilion ist schön, es hat ein, zwei Hügel mehr wie am linken Ufer, was die Gegend gleich viel abwechslungsreicher macht.

St Emilion

St. Emilion

Strasse St. Emilion

St. Emilion

Weingeschäft

Eine von hundert Weinhandlungen in St. Emilion

Petrus

Château Petrus – könnte auch ein Bahnhofsgebäude sein. Immerhin bescheiden.

Das linke und rechte Ufer sind rein optisch das pure Gegenteil. So richtig warm werde ich aber mit beiden Orten nicht. Vermutlich fehlt mir einfach die Authentizität.
Diese finde ich glücklicherweise auf zwei kleinen Bio-Weingüter, Château Moulin Pey-Labrie und der Domaine Valemengaux, die in St. Emilion und Fronsac liegen. Ja, es gibt sie, die kleinen Weingüter in Bordeaux. Und sie empfangen uns sogar während der Erntezeit. Sympathisch und bodenständig, so wie ein Weinproduzent meiner Meinung nach sein sollte. Aber ganz ehrlich, wenn nicht über Empfehlungen von Freunden, wie hätte ich diese Weingüter finden sollen? Etwas Neues zu entdecken stellt sich als relativ schwierig heraus.

Mein Bordeaux-Fazit? Ich bin beeindruckt und enttäuscht. Ich habe gesehen und jetzt noch mehr Fragen. Es ist magisch und absurd.
Von den Weinen bin ich nach wie vor begeistert und wenn ich jemals die Chance bekomme, einen Petrus zu trinken, sage ich auf keinen Fall nein. Und wenn mir morgen der Besitzer von Mouton-Rothschild begegnen würde, fände ich das schon auch aufregend. Aber mich lässt die Meinung nicht los, dass die Weine und die Region überschätzt sind. Es geht nur um Ruhm, Macht und Geld.
Ja, so geht es sicher in vielen Weinbaugebieten zu und her, aber ich glaube, naiv wie ich bin, immer noch an Winzer die eine Ideologie haben, diese konsequent verfolgen und mit Herzblut bei der Sache sind.
Es ist nicht nur die Qualität eines Weines, die ihn auszeichnet. Auch die Macher müssen überzeugen. Diese zwei Elemente sollten in einer guten Balance stehen. Ich bin mir nicht sicher, ob das in Bordeaux überall der Fall ist.

 

Eine Randbemerkung die nicht zum Thema Wein gehört: Die Stadt Bordeaux ist ein Bijou. Wirklich ganz schön. Müsst ihr unbedingt hin. Prachtvolle Gebäude, viele Fussgängerpassagen, perfekte Grösse weil man alles zu Fuss machen kann, interessante Quartiere und ja, grossartigen Wein!
Und, wenn ihr in der Gegend seid, schaut im Arcachon-Becken vorbei. Die Austerndörfer Canon und Gujan-Mestras, zum Verlieben. Die Dune du Pyla, gigantisch!