trend: naturwein

Lasst uns über Naturwein sprechen – dem Resultat antiautoritärer Erziehung.
Was das eine mit dem anderen zu tun hat? Einiges, wie ich finde.
Wir kreieren nicht, sondern lassen die Natur walten. Der individuelle Charakter soll seinen Weg gehen und sich am Ende in seiner Vollkommenheit entfalten können.
Ob das die richtige Handhabung ist? Die Meinungen gehen auseinander, sowohl beim Wein wie auch bei der Erziehung.

Bevor ich euch erkläre, was Naturwein ist, sollte ich erwähnen, dass es dafür keine klare Definition gibt. Der Begriff ist nicht geschützt und lässt somit Raum für Interpretation.

Los geht’s. In der Weinwelt unterscheiden wir zwischen konventionellem (mit Gift), integriertem (so wenig Gift wie möglich), biologischem (nur natürliches Gift) und biodynamischem (nur natürliches Gift mit Mondkraft) Weinbau. Diese Bezeichnungen beziehen sich grösstenteils auf die Arbeiten im Rebberg. Sprich, welche Düngemittel eingesetzt werden, ob zwischen den Rebzeilen Gräser wachsen, maschinell oder manuell gearbeitet wird, etc. Natürlich gibt es auch bei der Kellertechnik Unterschiede, zum Beispiel ob und wie der Wein stabilisiert wird, oder wie stark die Maische erwärmt werden darf. Trotzdem würde ich sagen, die wichtigsten Faktoren, welche konventionell, integriert, bio und biodynamisch voneinander unterscheiden, sind im Rebberg zu finden.
Naturwein hingegen, entsteht vorwiegend im Keller. Er setzt beim bio-dynamischen Weinbau an, geht aber noch ein Stück weiter. Salopp gesagt, greift nach der Anlieferung der Trauben, keine Menschenhand mehr ins Geschehen ein. Der Winzer lässt den Beeren  den nötigen Raum und die Zeit, sich in Wein umzuwandeln und versucht, diesen Prozess so wenig wie möglich zu beeinflussen. So wird spontanvergoren, weder stabilisiert noch filtriert und ohne Zusatzstoffe abgefüllt. Was bedeutet, dass auch auf den Einsatz von Schwefel verzichtet wird.
Der letzte Punkt ist das Tüpfli auf dem i – das, was Naturwein in seiner Reinheit auszeichnet. So viel zur Theorie.

Warum macht man Naturwein? Naturwein ist, wie ihr euch vorstellen könnt, vielmehr eine Philosophie als ein Begriff. Meinen Beobachtungen und Recherchen nach, können viele Winzer mit dem Ausdruck Naturwein auch nicht allzu viel anfangen. Man ist sich einig, dass Wein per se kein Naturprodukt ist, sondern erst durch das Mitwirken des Menschen entsteht. Es sind vielmehr die Weinhändler und Gastronomen, die sich auf den Begriff Naturwein stürzen.
Worum geht es denn bei der Naturweinbewegung? Back to nature. Die Winzer wollen, dass der Wein ein Ausdruck des Terroirs und der Traubensorte ist. Er soll nicht von Menschen, je nach Gusto der Konsumenten, geformt werden. Das Risiko, dass sich bei der Spontangärung schlechte Mikroben einschleichen und den Wein ungeniessbar machen, nehmen die Winzer auf sich.
Ein weiteres Merkmal der Naturwinzer ist ihre Experimentierfreudigkeit. So lassen sie Wein über Jahre im Tank liegen, bauen in Amphoren aus oder produzieren Weisswein nach dem Rotweinverfahren (sogenannter Orange Wein). In einer Person würde ich den Naturwinzer so beschreiben: er ist ein Freak, Naturliebhaber, Lebenskünstler, Philosoph. Ein cooler, junger (oder junggebliebener) Typ mit Bart. Ein Hipster, auch wenn er das vielleicht nicht sein will. Mit einem traditionellen (Wein)Bauer, hat er jedenfalls wenig gemeinsam.
Oh Wunder, dass Naturwein so trendig ist.

Und wie schmecken die Weine? Ich kann kein Pauschalurteil abgeben, es kommt darauf an, ob die Götter ihnen gut gesinnt waren. Oder ob die Trauben einen Charakter haben oder nicht. Spannen wir wieder den Bogen zur antiautoritären Erziehung. Ein Kind, welches frei von Regeln erzogen wurde, kann selbstbewusst, extrovertiert und beliebt sein. Es kann auch rebellisch sein, anecken und damit Interesse wecken. Oder aber es ist einfach ein Arschlochkind, das man am Liebsten in den Keller sperren würde.
Grundsätzlich sind Naturweine das Gegenteil von einem schöngefärbten, sirupartigen Massen-Primitivo. Sie haben ungewöhnliche Farben und riechen selten nach Wein. Manche würden sagen, sie stinken. Im Gaumen sind Naturweine geradliniger, rustikaler und ja, vielleicht eine Spur ehrlicher. Wobei die Wahrheit auch weh tun kann.

Im Grunde ist Naturwein eine gute Sache und es gibt viele Tropfen, die ich sehr spannend finde. Mit anderen wiederum, kann ich gar nichts anfangen. Aber das ist bei den konventionellen Weinen nicht anders.
Was mich bei der ganzen Naturweinbewegung stört, ist der Hype der darum gemacht wird. Und noch vielmehr, das Bashing gegen „normale“ Weine/Winzer.
Nicht alle Winzer sind überzeugt von der Naturwein-Philosophie. Was noch lange nicht bedeutet, dass sie Gift en masse einsetzen und ausschliesslich für die Masse produzieren. Auch sie sind Landwirte, die tagtäglich mit der Natur zusammen arbeiten und auf sie angewiesen sind.  Sie haben aber vielleicht eine gewisse Vorstellung eines Endproduktes und wollen dem Wein ihre eigene Handschrift verleihen. Das ist doch absolut legitim.  Winzern, die nicht nach der Naturwein-Ideologie leben, vorzuwerfen, dass sie Einheitsbrei machen, ihre Weine nichts mit dem Terroir zu tun haben und unnatürlich sind, ist respektlos und ignorant.

Um zum Schluss zu kommen, mein persönliches Fazit: Mein Anspruch an einen Wein ist, dass er gut schmeckt, mir Freude bereitet und die Leidenschaft des Winzers widerspiegelt. Ob integriert, biologisch oder pure Natur dahinter steckt, ist für mich zweitrangig.
Und einfach damit es noch gesagt ist, lokaler Wein ist im Fall nachhaltiger als ein ausländischer Naturwein.